Wieso möchte ich kein Vorbild sein? Ich habe ein gutes Leben. Ich habe eine Firma mitaufgebaut, welche in ihrem Gebiet einzigartig und extrem erfolgreich ist. Ich betreue als Einzelperson eine komplexe IT-Umgebung und entwickle die eingesetzte Software stetig weiter. Im privaten habe ich auch meine Erfolgsseiten. Ich bin Stv. Chef Elektriker bei der lokalen Feuerwehr.
Was bewegt mich zu der Aussage, das ich kein Vorbild sein möchte?
Dazu führe ich ein Beispiel an. Wir haben immer wieder Praktikanten. Meistens von der Wirtschaftsmittelschule, kurz WMS. Diese absolvieren 3 Jahre lang eine Schule und ein Jahr lang ein Praktikum. Am Ende haben sie ein EFZ als Kaufmann/frau und eine wirtschaftliche Berufsmaturität. Der erste Praktikant hat sein Jahrespraktikum 2 Jahre nach unserer Firmengründung bei uns begonnen. Diese Zeit war von vielen Umbrüchen und Verbesserungen geprägt. Auch war ich in dieser Zeit noch mein Teilzeitstudium am Abschliessen.
An seinem Letzten Tag war die Belgeschaft mit ihm zusammen gemeinsam in einem Restaurant zum Abendessen. Dabei hat er gesagt, dass ich ihn geprägt habe, vorallem meine Fähigkeit mich zu konzentrien.
Wo ist das Problem?
Meine Fähigkeit mich zu konzentrieren stammt vom Hyperfokus. Falls du das nicht kennst, hier ein Link zu Wikipedia. Ich warte mit weiterschreiben, bis du ihn gelesen hast.
Da du jetzt weist was Hyperfokus ist, kann es weitergehen. Der Hyperfokus ist nebst meinem guten technischen Verständniss einer meiner Stärken. Jedoch habe ich über die Jahre auch seine Schattenseiten festgestellt. So nehme ich in einer Hyperfokus-Phase meine Umgebung war, so dass ich auf Reize reagieren kann, meine Reaktionen sind aber nur durch einen kleinen Teil meiner Konzentration gesteuert.
Wieso ist dies ein Problem?
Dafür möchte ich eine Situation erklären, welche erst kürzlich bei meiner Arbeit passiert ist. Anzumerken ist, dass ich ihm nachhinein meine Reaktionen als falsch empfinde und auch nicht meinen normalen Umgang mit meinen Mitmenschen darstellen.
Die Vorgeschichte
Ich war ein Wochenende lang an einem Hackathon. Wer schon einmal einen Hackathon mitgemacht hat, weis das Schlaf dort nicht sehr hoch priorisiert wird. Ich war nicht stark übermüdet, aber ich war müder als sonst. Am Montag hatte ich schon früh am Morgen ein wichtiges System welches sich verabschiedet hat. Ich konnte den Betrieb zwar schnell wieder herstellen, aber wir haben ca. eine Stunde verloren. Dies hat meine Stimmung nicht gerade angehoben. Am Nachmittag, ca eine Stunde vor Feierabend hat sich meine gesamte Infrastruktur gegen mich verschworen und die gesamte Produktion stand still.
Also begann ich alles wieder zum laufen zu bekommen. Die Suche nach einem Fehler habe ich aussen vor gelassen, da ich schon ähliche Vorfälle hatte und die Ursache ungefähr eingrenzen konnte. Schnell war jedoch klar, dass es diese mal schlimmer war als sonst. Der Hypervisor hat den Zugang zum Speicherort von einigen VMs verloren. Ich war schon länger daran, alle VMs von dort auf einen neuen Ort zu migrieren. Daher war nur ein kleiner Teil betroffen. Jedoch war der Plan, die wichtigsten VMs zuletzt zu migrieren, da ich zuerst den neuen Ort ausgiebig testen wollte. Daher war die ganze Produktion stillgelegt. Zuerst habe ich die VMs, welche nicht betroffen waren, wieder gestartet und auf die Funktion überprüft.
Auch habe ich aufgrund von technischen Limitationen nicht alle VMs gesichert. Bei VMs, welche ich in kurzer Zeit erneut aufbauen kann, habe ich auf eine Sicherung verzichtet. Dummerweise waren auch wichtige VMs von dieser Ausnahme betroffen.
An diesem Nachmittag war ich länger im Büro. Selbst zuhause habe ich weiter gearbeitet, da ich am Dienstag Morgen einen Termin ausser Haus hatte. Als ich jedoch die Verbindung vom Hypervisor mit dem Speicherort der VMs nicht wiederherstellen konnte, war klar das ich den Termin übergeben muss oder die Produktion würde wahrscheinlich am Dienstag nicht mehr zum Laufen kommen.
Zum Glück hat mein Chef, der beste den es gibt, sich bereit erklärt, den Termin für mich zu übernehmen, als ich ihn am Montag Abend angerufen habe. Ich habe den Abend damit verbracht die ersten VMs vom Backup wiederherzustellen. Dabei war das Problem, das ich die Backups über den VPN-Zugang auf meinen Laptop und von Dort wieder zurück auf den Hypervisor kopieren musste. Die VPN-Verbindung ist nicht die schnellste, da unsere Produktion nur einen normalen Internetzugang hat und somit der Upload gedrosselt ist.
Am Dienstag Morgen habe ich schon während dem Frühstück die lage überprüft. Die eingespielten Backups aktiviert. Sobald ich bei der Arbeit war, habe ich mich an das wiederherstellen der letzten Backups und dem erneuten Einrichten von den verlorenen VMs gemacht. Während diesem Vorgang habe ich die lokale Infrastruktur erneut überlastet und somit eine Verzögerung von ca. einenhalb Stunden kassiert. Ich war während der ganzen Zeit in einer Hyperfokus-Phase. Ich nahm wahr, das Personen kamen und gingen. Habe jedoch nicht reagiert, sondern das Problem behoben.
Zusätzlich zum Hyperfokus, war ich noch gestresst, da ich nur den Dienstag Vormittag zur Problembehebung hatte. Am Nachmittag waren Sitzungen angesetzt,, welche ich nicht verschieben konnte. Am Mittwoch Vormittag war ein Anlass, welcher nicht verschiebbar war, aber die Produktionssysteme nicht benötigte. Am Mittwoch Nachmittag war die Arbeitplanung der nächsten beiden Tage mit den Arbeitern in der Produktion geplant, da ich am Donnerstagmorgen in die Ferien gehen wollte und erst am Sonntag zurück sein würde. Am folgenden Montag müsste die Produktion wieder laufen oder wir müssten die Auslieferung von ca. 100 Bestellungen verschieben. Was in unserer Firmengschichte bisher noch nie vorgekommen ist.
Daher wollte ich die Produktion spätenstens am Dienstag Mittag wieder am laufen haben. Da ich bis zum Montag sonst nicht mehr genügend Zeit gehabt hätte.
Der Vorfall
Mein Chef kam vom Meeting zurück und fragte mich was der Stand ist oder ob er störe. Im Hyperfokus nahm ich die einfachste Antwort und sagte ihm er störe. Im nachhinein nicht die richtige Antwort, was ich aber während diesem Zeitpunkt nicht realisierte. Mein Gedankengang war einfach
- Mir wurde eine Frage gestellt mit zwei eingebauten Antwortmöglichkeiten
- Ich antworte mit der passenderen Antwort
Mein Chef lies mich darauf in Ruhe, womit ich im Hyperfokus zufrieden war. Einige Zeit später kam mein Chef erneut und wollte ein Statusupdate. Meine Antwort war knapp "Ich arbeite daran". Dies war kurz nach dem erneuten Zusammenbruch der Infrastruktur. Daher war ich schon genervt und wollte am Problem arbeiten und nicht meinem Chef unterbreiten was das Problem ist.
Mein Chef versuchte noch ein paar mal mich zu einer brauchbaren Antwort zu bewegen. Jedoch gab ich ihm immer genervtere Antworten mit immer weniger Inhalt. Daraufhin ging mein Chef extrem genervt weg.
Der Nachgang
Ich konnte die Infrastruktur kurz nach 12:00 Uhr wieder in einen funktionierenden Zustand bringen. Ich konnte meine Ferien antretten und die Auslieferung am kommenden Montag verlief ohne Probleme.
Fun Fact: Ich bin die vier Tage zusammen mit meinem Chef in die Ferien.
Das Fazit
Ist mein Verhalten im Nachhinein vertrettbar. Absolut nicht. Ich habe die Infrastruktur weider zum Laufen bekommen und wir mussten die Auslieferungen nicht verschieben. Aber ich habe mich meinem Chef gegenüber wie ein hochgradiges Arschloch benomen. Zusätzlich sass ein Praktikant zwei Meter neben mir, während dem gesamten Vorfall. Ein solches Verhalten ist in keiner Weise Vertrettbar.
Jedoch waren mir diese Dinge während der Hyperfokusphase nicht bewusst. Ich hatte nur ein Ziel, die Produktion wieder zum Laufen zu bekommen. Der ganze Rest ausserhalb des Ziels war mir egal und hat keine grosse Beachtung bekommen.
Mein Vorteil ist das mein Chef mich und meine Föhigkeiten extrem Schätzt und wir privat auch gut miteinander auskommen. Wir hatten eine Nachbesprechung des Vorfalls, bei welcher wir uns beinahe die köpfe einschlugen. Am Ende der Besprechung vertrugen wir uns wieder, da wir die Sicht des Anderen verstanden.
Ausserdem sind wir nicht mal 48 Stunden später zusammen in die Ferien geflogen und vier tolle Tage zusammen verbracht.
Dies ist aber absolut nicht selbstverständlich bei einem Chef. Manch anderer Chef hätte mir die Kündigung ausgehändigt.
Die Ursache
Es waren mehrere Auslöser beteiligt. Ich hatte schon länger Probleme mit der Infrastruktur, welche durch die unvolendete Migration hätten behoben werden sollen. Diese habe ich nicht schneller vorangetrieben, da ich die Gefahr für das aufgetrettene Problem als gering eingeschätzt habe und weil ich mehrere andere Aufgaben als geringer eingeschätzt habe.
Des weiteren hatte ich schon länger keine Ferien mehr genommen, da ich oft händisch in die Infrastruktur eingreifen musste um kleinere Probleme zu beheben und mein bisheriger Stellvertretter seit mehreren Monaten krankheitsbedingt ausgefallen ist. Somit konnte ich nicht entspannt in die Ferien, da ich um die Probleme wusste und aktuell die einzige Person war, der diese beheben konnte.
Ich hatte seit Anfang des Jahres keine richtigen Ferien genommen. Ausnahme waren zwei verlängerte Wochenenden, wobei ich eines davon krank zu hause geblieben bin.
Die lange Zeit ohne Ferien war einer der Gründe wieso die Ferien mit meinem Chef geplant worden sind.
Ausserdem fühle ich mich persönlich für die Infrastruktur und die Lauffähigkeit der Produktion verantwortlich. Jeden Ausfall nehme ich persönlich, da ich sie gebaut habe und somit auch die Probleme eingebaut habe.
Zuletzt waren die Vorarbeiten am Montag Abend auch nicht förderlich. Ich habe mir so Schlafenszeit geraubt, welche ich nach dem Hackathon benötigt hätte. Hier war auch ein wenig der Hyperfokus schuld. Ich wollte nur den Zustand überprüfen und habe dann aber mit den Wiederherstellungen begonnen. Einmal mit der Arbeit begonnen hat mich der Hyperfokus in der Arbeit gehalten.
Das ist ja nur ein Vorfall!
Ich habe hier einen Vorfall aufgezeigt, welcher gut das Problem vom Hyperfokus bei mir aufzeigt. Ich könnte noch Seitenweise weitere Vorfälle aufzeigen, welche jedoch meistens nur kleinere Auswirkungen hatten.
Eines der grössten Probleme von mir mit Hyperfokus ist der Verlust des Zeitgefühls. So habe ich in der Anfangszeiten meines Arbeitgebers regelmässig 10 Stunden Tage gemacht. Da ich im gleichen Dorf lebe wie arbeite ist dies ein kleineres Problem. Da viele Personen zwei Stunden pro Tag zur Arbeit pendeln. Jedoch kammen die längeren Arbeitstage mit einem massiv höheren Erhollungsbedarf. Dies führte zu einem vernachlässigen meines Privatlebens. Da ich nicht viel in dieser Richtung hatte, bevor ich bei meinem jetztigen Arbeitgeber anfing empfand ich dies nicht als grossen Verlust.
Jedoch zwingt mich mein Chef unterdessen zur Einhaltung der Arbeitszeit. Er hatte mir schon Minusstunden verordnet. Jedoch habe ich nun mehr Freizeit und merke, dass ich nicht viel habe ausserhalb meiner Arbeit.
Fazit
Ich bin extrem froh um den Hyperfokus. Ohne Ihn wär mein Arbeitgeber nicht dort wo er jetzt ist. Auch wär der oben Beschriebene Vorfall nicht so schnell behoben gewesen, hätte ich mich schneller von meiner Umgebung ablenken lassen.
Jedoch bin ich mir seiner Nachteile bewusst und weiss dass diese zu grösseren Problemen führen können.
Das ist ja nur ein Nachteil?
Das ist richtig. Jedoch führt dieser zusammen mit anderen Charakterzügen von mir zu einer gerfährlichen Kombination. So möchte ich immer das perfekte System abliefern und weiss von ziemlich jedem System wo die Probleme sind und nerve mich dass sie existieren. Da ich aber zu wenig Zeit habe, diese anzugehen, kann ich diese Stressfaktoren nicht los werden.
Wir haben bei der Arbeit verschiedene Abläufe eingeführt, welche dort ansetzten sollen, jedoch können mir diese auch nicht mehr Stunden im Tag besorgen.
Mir ist bewusst und das meine Charakterzüge und meine sonstigen Eigenschaften mich an einen Punkt im Leben gebracht haben, welchen ich liebe. Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, ich hasse meine Eigenschaften. Ich bin über jede einzelne froh. Sie haben mich zu meinem jetzigen Punkt im Leben gebracht. Jedoch kenne ich meine Schwächen nur allzu gut und weis was die Auswirkungen von diesen sind.
Bin ich ein schlechter Mensch?
Absolut nicht. Ich bin stolz auf meine moralischen und ethischen Grundsätze. Ich habe kein Problem, wenn jemand sich diese Grundsätze als Vorbild oder Antrieb nimmt. Jedoch kenne ich die Kehrseiten meiner Fähigkeiten und wünsche diese Niemanden und möchte auch nicht dass Jemand diesen nacheifert.